Als die S12 noch orange, und der Bf Au noch rot waren...




Alles, was länger zurückliegt, alte Bilder, Dokumente, Ereignisse etc.

Als die S12 noch orange, und der Bf Au noch rot waren...

Beitragvon Dieselpower » Do 3. Jun 2021, 12:30

Leider gibt der heute noch bedeutende Bahnhof Au/Sieg (Ein typisches Eisenbahnerdorf, das 1969 zur Gemeinde Windeck mit mehreren Gemeinden entlang der Sieg zusammengefaßt wurde, und den äußersten östlichen Zipfel des Rhein-Sieg-Kreises bildet) nur noch ein jämmerliches Bild ab: Das Rot der Fassade ist zu einem ungleichmäßig ausgeblichenen Rosa geworden, die meisten Fenster tragen die schicken grafittibeschmierten Lochbleche, das Weiß der erhabenen Frakturschrift sifft an den Wänden herab, die Gaststätte (Mit den 1a Hausmacher Frikadellen) ist längst rausgeekelt - immerhin hält sich der von der Westerwaldbahn wiedereröffnete (!) Fahrkartenschalter noch hartnäckig. Der Warteraum ist mit OSB-Platten unzugänglich gemacht worden, die Unterführung stinkt nach Urin, am Bahnhofsvorplatz mit dem schönen Kopfsteinpflaster kündigen zwei kaum noch erkennbare Leuchtreklamen von "DB" und "S" nicht mehr ganz aktuell die Verkehrsmittelauswahl an. Das Sandsteinwaschbecken am Hausbahnsteig hat unfreiwillig Abfalleimerfunktion bekommen und so weiter - mit einem Wort: Alles andere als einladend!

Vor 30 Jahren war die Welt in Au noch halbwegs in Ordnung, und die ehemaligen Gummersbacher City-Bahn-Wagen boten ein neues Angebot, den "S12-Vorlaufbetrieb". Die orangefarbenen Züge gaukelten eine S-Bahn vor, nur so war das Land NRW bereit, das ganze als S-Bahn-Vorlauf zu fördern. So wurde nachträglich der Satz im Fleischmann-Katalog noch Realität ("Zur 111 passen sehr gut die City-Bahn-Wagen auf Seite XXX"). Waren Anfangs artreine Garnituren wie die hier abgebildete noch die Regel, so mauserte sich die Pseudo-S12 mit der Zeit zur buntesten S-Bahn der Republik - und das fast ohne Ganzwerbung, denn eine Garnitur warb später mit blauer Beklebung für die Hüls Troisdorf AG. Silber- Grün- und Rotlinge komplettierten das farbliche Chaos in den 90ern ganz hervorragend. Hinzu kamen blau-beige 111er der Folgenummern 189 bis 196, irgendwann dann 140er (Die schnellen 111er wurden in RE- und IR-Diensten gebraucht, die bescheuerte Aufteilung der Loks war noch nicht vollzogen, es war Anfangs wie bei den ÖBB der GB Traktion, der unabhängig Tfz stellte) in allen vorstellbaren Farben von grün bis verkehrsrot. Wegen des enormen Bremssohlenverschleißes kamen bald jedoch frisch umgebaute Wendezug-110er zum Einsatz, wobei dann mit der edlen rot/beigen 110 500 farblich der Vogel abgeschossen wurde. Nach 13 Jahren war der Spuk vorbei, die Bahnsteige umgebaut, und die Plastikbahnen vom Typ 423 zogen ein...lustigerweise gab es 11 Jahre später wieder ein älteres Fahrzeug zu sehen - der 420 lebt! Und so sieht es heute noch aus, mindestens zwei 420er Doppeltraktionen teilen sich die S12/19 mit dem mittlerweile auch nicht mehr ganz taufrischen 423-Gerümpel der ersten Generation.

Hier nun wie versprochen eine artreine S12 im Bahnhof Au (Sieg):
Bild
„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
Albert Einstein
"Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich...!"
Konrad Adenauer
Benutzeravatar
Dieselpower
Oberster Betriebsleiter OBL
Oberster Betriebsleiter OBL
 
Beiträge: 674
Registriert: So 24. Mär 2019, 13:34
Wohnort: Höchstenbach

von Anzeige » Do 3. Jun 2021, 12:30

Anzeige
 

Re: Als die S12 noch orange, und der Bf Au noch rot waren...

Beitragvon Dieselpower » Do 3. Jun 2021, 13:14

Für den Fahrgast weit weniger von Belang, aber auch ein interessantes Detail zur Unterstreichung der örtlichen Bedeutung von Au sind die zwei (!) Tankstellen, die es damals gab, und die auf diesem Bild beide zu sehen sind, ebenso wie die im Einzugsbereich von Köln/Gremberg eher seltenen blau/beigen 290er, hier gleich im Doppelpack! Die meisten waren zur Freude der Fotografen noch altrot - wenn auch oft verwaschen. Umso schneller ging dann die orientrote Farbtopfaktion von statten.
Bild
„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
Albert Einstein
"Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich...!"
Konrad Adenauer
Benutzeravatar
Dieselpower
Oberster Betriebsleiter OBL
Oberster Betriebsleiter OBL
 
Beiträge: 674
Registriert: So 24. Mär 2019, 13:34
Wohnort: Höchstenbach

Re: Als die S12 noch orange, und der Bf Au noch rot waren...

Beitragvon Horst Heinrich » Do 3. Jun 2021, 18:57

Als wenn es so sein sollte, lieber Marko, passend zu Deiner Beschreibung früher vs. heute wackelte heute ein pensionierter Werkmeister der Bahnmeisterei Simmern bei mir vorbei, ich kenne ihn, er wohnt in Wahlenau. Inzwischen ist er 82 und verbrachte seine letzten Berufsjahre beim "Netzbezirk" Kirn, so hat man ja die Bahnmeistereien später benannt.
Seine Schilderungen gehen in die Richtung von einer halbwegs intakten Bahnwelt vor 30, 35 Jahren, die Du andeutest.
Damals betreute die Bm Simmern noch die Streckenabschnitte Stromberg-Hermeskeil und Simmern-Emmelshausen.
Bei aus Sicht des erfahrenen Oberbau-Werkmeisters notwendigen Arbeiten gab es schon Kritik von der nächsthöheren Ebene: Notdürftig flicken ja, investieren nein.
Beim Blick in den Briefkasten jeden Tag die bange Ahnung, welchen Rationalisierungsschwachsinn man sich wieder hat einfallen lassen.
Am Ende war das rollende Equipment auf einen alten VW-Pritschenwagen T 3und einen altersschwachen Klv 51 mit Anhänger zusammengeschmolzen, Ersatzteile mußten weitgehend durch Ausbau an nicht mehr benötigten Nebengleisen gewonnen werden, der zuständige Techniker für die störanfälligen Lo 57-Anlagen saß in Bad Kreuznach, der Wohnort des bereitschafthabenden Mitarbeiters der Sm konnte aber auch im Donnersbergkreis sein, Anfahrt z.B. nach Pfalzfeld 90 Minuten.

Die Fs-Freileitungen wurden von Trier aus betreut, denn auch die nahegelegene Nm war längst aufgelöst.
Und der hier zuständige Mitarbeiter konnte auch in der Eifel wohnen...

Da es in Simmern keine DB-Dieseltankstelle mehr gab, wurde der Skl mit Kanistern betankt, die an der nahegelegenen Shell-Tankstelle gefüllt wurden.
Eigentlich illegal, denn mehr als 20 Liter Kraftstoff darf man nicht im Auto außerhalb des Tanks transportieren...

Dann erfolgte so etwas wie "innere Emigration".
Den Kollegen freitags um 16 Uhr aus dem Wochenende holen, nur weil während der Durchfahrt des Güterzuges aus Morbach in Argenthal der BÜ nicht funktionierte?
Oder ein Baum auf die Leitung gefallen war?
Abgehakt!

So kam eines zum anderen - das Ergebnis sehen wir jetzt: Fast 100 Kilometer Strecke nur noch mit 10 km/h befahrbar, alle Anlagen der Leit- und Sicherungstechnik zerstört, der Rest der Strecken im Hunsrück: Abgebaut.

Ersetze Hunsrück durch Eifel, Westerwald, Siegerland, Taunus, Pfalz...
Die Gesellschaft im 21.Jahrhundert: Bei vielen nichts anderes als das Fortleben des prähistorischen Menschen unter der dünnen Schale der Zivilisation.
Benutzeravatar
Horst Heinrich
Bundesbahn-Direktor A15
 
Beiträge: 828
Registriert: So 24. Mär 2019, 18:42
Wohnort: Hirschfeld/Hunsrück



Ähnliche Beiträge

Wer blickt da noch durch?
Forum: Regional aktuell
Autor: Horst Heinrich
Antworten: 1

TAGS

Zurück zu Regional historisch

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron