Der Bahnhof Nieder Olm




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Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Horst Heinrich » Mi 12. Aug 2020, 17:16

Der 3.Februar 1945 war ein schwarzer Tag für Nieder Olm. Ein verheerender Luftangriff der US Air Force legte weite Teile der rheinhessischen Gemeinde in Schutt und Asche.
Auch das schöne Bahnhofsgebäude aus sandsteinfarbenen Backsteinen, wie sie für die gesamte Strecke Mainz-Alzey typisch waren, fiel komplett zusammen. Der Bahnbetrieb war unterbrochen.

Nach Ende der Kampfhandlungen errichtete die DB eine Holzbaracke als Ersatz für das Empfangsgebäude. Wie so oft ließ der Wiederaufbau auf sich warten. In Alzey dauerte das Barackenprovisorium ganze 14 Jahre, in Nieder Olm nicht ganz so lange, was unter anderem auch an dem politischen Druck der Gemeinde und am Einfluß der Firma Eckes, einem weltweit operierenden Fruchtsaft- und Spirituosenherstellers (hohes C, Chantré usw.) lag.

1957 entschloß sich die DB endlich zu einem Neubau. Ein Flachbau, wie er auch etwa in Gundersheim (Strecke Worms-Alzey-Bingen) oder Ockenheim (Strecke Gau-Algesheim - Bad Kreuznach) realisiert wurde, entstand. Rationalisierung und Funktionalität standen diesem Gebäudetyp Pate. Der Wartesaal war identisch mit der Schalterhalle und auch die Dienstwohnungen entfielen, gegenüber dem herrschaftlichen Gebäude von 1894 wurde der umbaute Raum um zwei Drittel reduziert.
Die Pflicht zum Wohnen am Dienstort (Residenzpflicht) wurde immer weiter gelockert, damit entfiel für die DB auch sukzessive das Bereitstellen von Wohnraum in Bahnhöfen.

Das mechanische Stellwerk wurde wieder eingebaut, zu Rationalisierungen in der Leit- und Sicherungstechnik etwa in gestalt eines Dr-Stellwerkes konnte man sich noch nicht durchringen. Bis zur Inbetriebnahme des ESTW Rheinhessen im Dezember 2007 blieb es in Betrieb.

Der Bahnhof Nieder Olm in den 1940er Jahren
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Bis 1957 waren in dieser Holzbaracke Stellwerk, Fahrkartenverkauf, Güter- und Gepäckabfertigung sowie ein Warteraum untergebracht.
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Der 1957 fertiggestellte Neubau, ein typischer Baustil in der BD Mainz, war bis 2007 in Betrieb.
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Re: Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Knipser1 » Do 13. Aug 2020, 09:41

Der "neue" hat durchaus Ähnlichkeit mit Rotenhain, oder?

Selbst die Verklinkerung am Stellwerksanbau entspricht dem Westerwälder Pendant.


Grüße

Guido
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Re: Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Horst Heinrich » Do 13. Aug 2020, 12:05

Knipser1 hat geschrieben:Der "neue" hat durchaus Ähnlichkeit mit Rotenhain, oder?

Selbst die Verklinkerung am Stellwerksanbau entspricht dem Westerwälder Pendant.


Grüße

Guido


Du hast recht, Guido, man müßte dem ganzen mal forschend nachgehen. Wie gesagt, Ockenheim und Gundersheim sahen ähnlich aus, alle drei Bahnhöfe, Nieder-Olm, Ockenheim und Gundersheim lagen in der BD Mainz, ich weiß nicht, ob dieser Bautyp ein direktionstypischer Stil war oder vielleicht sogar bundesweit realisiert wurde.

1945 wurden ja die Westerwaldstrecken von der BD Frankfurt (M) an die BD Mainz angegliedert. 1955 wurde das Neubauamt Mainz aufgelöst und nach Koblenz verlegt, 1962 aber schon wieder aufgelöst.
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Re: Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Horst Heinrich » Do 13. Aug 2020, 16:38

Mit dem Verschwinden von Bahngebäuden aus 160 Jahren Bahnbetrieb beschäftigte sich 2007 auch die Deutsche Bauzeitung.

https://www.db-bauzeitung.de/db-themen/ ... r-intro-10
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Re: Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Dieselpower » Do 13. Aug 2020, 18:08

Knipser1 hat geschrieben:Der "neue" hat durchaus Ähnlichkeit mit Rotenhain, oder?

Selbst die Verklinkerung am Stellwerksanbau entspricht dem Westerwälder Pendant.


Grüße

Guido


Das war auch mein Gedanke...
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Re: Der Bahnhof Nieder Olm

Beitragvon Rolf » Sa 15. Aug 2020, 10:12

Vielen Dank für die interessante Geschichte! Ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie sich die (Eisenbahn-)Welt verändert.
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