Ein mutiges und originelles Zeichen 1975




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Ein mutiges und originelles Zeichen 1975

Beitragvon Horst Heinrich » So 19. Jul 2020, 18:52

Die 1970er Jahre waren gekennzeichnet von den Bemühungen der DB, ländliche Nebenstrecken weitgehend stillzulegen.
Man muß dazu auch als Eisenbahnfan ehrlicherweise zugeben, daß gerade im Personenverkehr viele Strecken -um es mit betriebswirtschaftlichem Vokabular zu umschreiben- von Reisenden nicht mehr nachgefragt wurden. Der Begriff "Geisterzüge" machte die Runde und in der Tat, wer etwa 1975 von Simmern nach Hermeskeil mit dem VT 98 fuhr, der zählte nicht selten weniger als 10 Fahrgäste, die unterwegs zu- und ausstiegen - ein Unterfangen, das jedes ordentlich kalkulierende Unternehmen ruiniert hätte.

Die Deutsche Bundesbahn jedoch war eine Behörde und ihr Defizit wurde vom Staatshaushalt ausgeglichen, dennoch, die gesellschaftliche Akzeptanz, dieses Defizit zu finanzieren, schwand. Nicht ganz unberechtigt, denn es waren ja andere Präferenzen da, etwa der Ausbau des überregionalen und lokalen Straßennetzes. Oft war der Erhalt einer Bahnstrecke daher keine Frage der legitimen Daseinsvorsorge mehr, sondern -psychologisch gesehen- ein Kampf lokaler Alphatiere gegen einen weitgehend anonym gewordenen Staatsapparat.
Man wollte sich behaupten, ob es Sinn machte oder nicht, die Muskeln zeigen.

Eine solche Aktion war die Idee des Bopparder Hoteliers Horst Fußhöller, dem schon durch seinen Vater Dr.jur.Fritz Fußhöller ein intellektueller Widerstands gegen vermeintliche "politische Sachzwänge", die ja in der Realität meist keine sind, in die Wiege gelegt wurde.
Fußhöller machte sich Mandatsträger aus Landesregierung, der zuständigen Bezirksregierung in Koblenz, bei der Kreisverwaltung Rhein-Hunsrück und auch in den betroffenen Kommunen entlang der Strecke zu Verbündeten. Drei bopparder Schulen sollten zwei Motor- und zwei Steuerwagen des Bw Simmern mit Zeichnungen der Hunsrücker Sagenwelt versehen und damit für die Hunsrückbahn werben.

Der Hunsrück verzeichnet viele sagenhafte Gestalten, der Bekannteste dürfte wohl der Schinderhannes sein, aber auch lokale "Größen" der Sagenwelt wie Maräikätt und Annemarie oder "dat Konnelmännchen" gehörden dazu. Alle Bopparder Schulen, vom Kant-Gymnasium über Realschule bis Hauptschule beteiligten sich mit Eifer.
Interessanterweise stimmten sowohl BD Saarbrücken als auch ZTL Mainz zu, allerdings durften die Schienenbusse nicht direkt bemalt werden, man gestaltete entsprechende Klebefolien, die später unter großem Aufwand im Bw Simmern auf die Metallgehäuse der Fahrzeuge 798 541 und 798 542 und der 998 619 und 621 verbracht wurden.

Am 19.Juni 1976 wurde dann -publikumswirksam unter großer medialen Beteiligung- der "Tag der Hunsrückbahn" veranstaltet. Daß man einen Monat zuvor die Strecke Simmern-Herkeskeil stillgelegt hatte, eine Strecke, die nicht nur zwei Bundesländer und sechs Landkreise, sondern zwei Dutzend Gemeinden und etliche Unternehmen an die "große weite Welt" anzuschließen in der Lage war, verschwieg man.
Um neun Uhr morgens wurde der vierteilige Zug in Boppard vorgestellt, um 9.30 Uhr ging er als Sonderfahrt über Emmelshausen und Kastellaun auif die Reise nach Simmern. Dort wurde ein ähnliches Spektakel absolviert, dann ging es zurück nach Boppard, hier traf die Sonderfahrt am 19.06.1976 gegen 15 Uhr wieder ein.

In den folgenden Jahren fuhren (bis 1983 bzw. 1984 ) die bunten Wagen immer wieder über Simmern nach Bingerbrück bzw. Bad Kreuznach und zurück, bis auch diese Streckenabschnitte im Pv stillgelegt wurden.

Die ganze Aktion verdient, wie ich meine, der Nachwelt erhalten zu werden, obwohl sie -ob der festen Vorhaben der Bundespolitik, den Hunsrück bahnfrei zu machen- nicht viel bewirkt hat.

Schon im Zug am 19.06.1976 saßen DB-Vertreter, die wußten, daß die hunsrücker Strecken keinen Bestand haben würden. Aber sie ließen sich in der Illusion feiern - ein psychopathologischer Sachverhalt, der mich praktisch und wissenschaftlich seit mehr als 35 Jahren beschäftigt: Wie kann man gegen seine Überzeugung handeln und sich dabei noch inszenieren ?

Heute verzeichnet das letzte Stück hunsrücker Bahnstrecke, Boppard-Emmelshausen, eine gute Auslastung. Wären noch Gleise da, die Nachfrage wäre zumindest bis Kastellaun hoch, auch der Anbindung Simmerns Richtung Koblenz würde ich Chancen geben.

Hier ein paar Bilder von den lustigen Schienenbussen.

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Die Gesellschaft im 21.Jahrhundert: Bei vielen nichts anderes als das Fortleben des prähistorischen Menschen unter der dünnen Schale der Zivilisation.
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Horst Heinrich
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