So 24. Jan 2021, 13:14
Mein rheinhessischer "Beritt" war noch in den 1980er Jahre ein Eldorado für Übergaben.
Hierzu dienten vorrangig nach Abzug der letzten 50er in den frühen 1970er Jahren die Baureihen V 60 und V 100, zwischen Sprendlingen und Fürfeld wurde auch eine Köf eingesetzt, da der Oberbau fast 100 Jahre alt war und schwerere Loks hier nicht mehr fahren konnten.
Auf den meisten, für den Personenverkehr zwar stillgelegten, aber für den Güterverkehr noch unentbehrlichen Strecken wurden regelmäßig Übergaben abgewickelt, manchmal nur zweimal im Monat, manchmal fünf Mal je Woche.
Das Frachgut war unglaublich vielfältig und reichte von speziellen Produkten wie Basalt-Schotter (Kirchheimbolanden) über Malz (Wallertheim), Papier (Morschheim), Verpackungen (Thimm, Alzey), Wein in Kesselwagen (Eckes, Nieder-Olm) und militärisches Material (Bw-Depot Pfeddersheim bzw. North Point Kriegsfeld) bis hin zu festen Brennstoffen und allen landwirtschaftlichen Produkten. Fast jedes Raiffeisenlager hatte seinen Gleisanschluß oder nutzte die Ladegleise den nahegelegenen Bahnhofs.
Exemplarisch für eine rheinhessische Übergabe möchte ich zunächst die Landhandlung Ernst Kammerschmitt in Hillesheim-Dorndürkheim an der KBS 662 (Gau Odernheim - Osthofen) hervorheben.
Die Einstellung des Pv erfolgte im September 1974.
Landhandlung Ernst Kammerschmitt ein treuer Bahnkunde mit recht viel Güteraufkommen:
Düngemittel, Saatgut, Kartoffeln, Weinbergspfähle, Baustoffe, Brennstoffe usw. Oftmals drei Übergaben pro Woche.
Alles wird verkehrsgünstig vom Rhein (Worms) über Osthofen zum Bestimmungsbahnhof gefahren. Dann nimmt die DB zwischen Monzernheim und Dittelsheim-Heßloch (am 1.April 1976 - ein schlechter Aprilscherz) 1500 Meter Gleise heraus und teilt die Strecke in zwei Teile.
Jetzt wird die Firma Kammerschmitt über Worms-Monsheim-Alzey-Gau-Odernheim beliefert, der Laufweg verlängert sich um das Vierfache, die Kosten schnellen nach oben, die Bahn fährt Kammerschmitt statt dreimal in der Woche jetzt nur noch einmal an.
Die Mehrkosten kann und will er nicht an die Kunden weitergeben, er bezahlt sie von seinem ohnehin knappen Gewinn (der Monopolist Raiffeisen macht ihm schwer zu schaffen). Trotzdem hält er durch und bleibt ein überzeugter Kunde der Bahn.
1994 mach die Bahn mit Mora C dem ganzen ein Ende. Inzwischen ist die Strecke abgebaut.
Hier ein schönes Foto von einer typischen rheinhessischen Übergabe von der Landhandlung Kammerschmidt 1984.

Bild: Andreas Tscharn
Ich möchte noch eine Ergänzung zu Rheinhessen und insbesondere Hillesheim - Dorn-Dürkheim nachtragen, da die Bahn immer auch von Menschen geprägt wurde.
In dem -mittlerweile auch abgerissenen- Empfangsgebäude wohnte eine der letzten Bahnagentinnen der DB, Frau Alma Fries.
Sie besorgte bis zum September 1974 den Fahrkartenverkauf und anschließend noch ein paar Jahre die Güterabfertigung.
So lange sie hier lebte, hielt sie das Bahngebäude mit besonderer Pflichttreue und Akribie in Schuß und konnte mit einer Fülle von Geschichten aufwarten, z.B. von armen Hillesheimer Familien, die sich nach dem Krieg den Kohlenstaub aus dem Ladegleis aufkehrten, um ihn mit Hobelspänen aus der örtlichen Schreinerei zu mischen und als Brennstoff benutzten.
Denn Rheinhessen war längst nicht so wohlhabend, wie es heute "rüberkommt" angesichts des massenhaften Zuzugs wohlhabender Menschen aus den Mainzer Speckgürtel.
Als die DB in den 1980er Jahren daran ging, die Bahnhöfe entlang der Strecke zu verkaufen, mußte Alma Fries auf ihre alten Tage noch ihre Wohnung im ersten Stock des Bahnhofs aufgeben, was sie nie so richtig verkraften konnte.
Ich war zum ersten Mal kurz vor Einstellung des Personenverkehrs in dem Bahnhof, damals meinte man, die Zeit sei seit Eröffnung der Strecke stehen geblieben - er wäre im besten Sinne denkmalwürdig gewesen. Alles war noch im Originalzustand
Damals wurde die Strecke mit den letzten VT 95 des Bw Mainz befahren, auf den übrigen rheinhessischen Strecken dominierten bereits die ETA 150.
Gekauft wurde Bahnhof nebst Garten später von der ortsansässigen Maschinenbaufirma Rationator.
Sie ließ den Bahnhof abreißen und auf dem Gelände einen Parkplatz errichten.
Das freilich hat Alma Fries aber nicht mehr erlebt.
Drei Übergaben wöchentlich wurden auch vom rheinhessischen Sprendlingen nach Wöllstein und zurück gefahren.
Neben den Raiffeisenlagern war ein Hauptkunde die Firma Jungk mit ihren Poroton-Steinen.
Die zulässigen Achslasten lassen nur noch eine Köf der Leistungsgruppe 2 zu, die auf unserem Bild allerdings war schon geraume Zeit mit einer Druckluftbremse nachgerüstet. Zuvor besaßen diese Kleinloks nur eine gewöhnliche Scheibenbremse deren Wirkung von der Körperkraft des Lokführers abhing. Dadurch war es sehr oft zu schweren Unfällen gekommen.
Die letzte Übergabe im Bf Wöllstein 1974.