Die Binger Nebenbahn




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Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Di 4. Aug 2020, 17:06

Zu Anfang des 20.Jahrhunderts "schielten" fast alle größeren Städte, die was auf sich hielten, auf eine repräsentative Straßenbahn, auch Bingen am Rhein, damals einer der äußersten westlichen "Zipfel" des eisenbahnfreundlichen Großherzogtums Hessen-Darmstadt (Bingerbrück war schon Preußen).

Nach vier ziemlich aufsehenerregenden Jahren der Vorplanung (hierzu später mehr) wurde die Realisierung am 29. April 1903 vertraglich "festgezurrt", am 25.August 1905 begannen die Bauarbeiten, am 24.Februar 1906 erfolgte die Eröffnungsfahrt der regelspurigen Bahn.
Diese Bauzeit ist, gerade unter heutigen Rahmenbedingungen eine Sensation. Da ich die Örtlichkeiten als früherer Binger kenne, gehe ich heute von einer Zeitspanne zwischen Vertragsabschluß und Eröffnung von mehr als 20 Jahren aus. Wenn es überhaupt zur Realisierung käme...

Die Binger jedenfalls hatten nach nur drei Jahren ihre Straßenbahn, die 49 Jahre ein Erfolgsmodell war, bis ihr der Autowahn der 1950er Jahre den Garaus machte. Am 22.Oktober 1955 fuhr die letzte "Elektrisch".

Der Güterverkehr lief dann noch zwei Jahre weiter, da es am Binger Bahnhof einen direkten Weichenanschluß ins DB-Netz gab, war er ja für die angeschlossenen Unternehmen sehr effektiv.
(Fortsetzung folgt)

Bild

Das Bild zeigt ein nachkolorierte Fotographie von 1906.
Die Gesellschaft im 21.Jahrhundert: Bei vielen nichts anderes als das Fortleben des prähistorischen Menschen unter der dünnen Schale der Zivilisation.
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von Anzeige » Di 4. Aug 2020, 17:06

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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Mi 5. Aug 2020, 22:14

Die Binger Nebenbahn besaßen am Binger Bahnhof einen Anschluß an das reguläre Bahnnetz. Ein immenser Vorteil für die bedienten Betriebe wie etwa die Weinbrennerei Scharlachberg oder die Weinbrennerei Racke, die eigene Gleisanschlüsse hatten.
Aber auch Stückgut wurde befördert. Zwischen 9 und 10 Uhr wurde "ausgeteilt ", zwischen 16 und 17 Uhr wurde "eingesammelt".

Die Übergabestelle Staatsbahn-Nebenbahn

Bild

Für den Güterverkehr hatten die Binger Nebenbahnen eine kleine E-Lok, die 51 Jahre nahezu störungsfrei ihren Dienst versah.
(Im Hintergrund die Rüdesheimer Weinlage "Rottland").

Bild

Die Fahrgäste wurden direkt am Binger Bahnhof (hier die Kulisse vor Errichtung des Reiterstellwerks) "abgeholt".

Bild

Das Binger Reiterstellwerk darf man nicht verwechseln mit dem von Bingerbrück, hier ziehen demnächst die Rückenprüfer der DB ein.

https://www.allgemeine-zeitung.de/lokal ... k_19972039
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Dieselpower » Do 6. Aug 2020, 00:44

Ist ja der Wahnsinn, was es nicht alles gab, und welche Gemeinden und Regionen sich beim Bahn-Boom mit auf den Zug geschwungen haben....leider alles vorbei. :(
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Sa 15. Aug 2020, 11:17

Die Binger Nebenbahnen setzten wie die meisten anderen Nebenbahnen jener Zeit zu gleichen Teilen auf Personen-, wie auch Güterverkehr.

Während der Personenverkehr durch die Binger Innenstadt rollte, verlief der Güterverkehr an der Nahe entlang. Hier gab es sogar zwei Gleise, denn der Güterverkehr war erheblich. Unter den großen Kunden befand sich auch die Tabakfabrik Gräf (links), die allerdings 22 Jahre nach dieser Aufnahme aus dem Jahre 1906 einem Großbrand zum Opfer fiel.

Bild

Die beiden Gemeinden Büdesheim und Dietersheim waren bis 1938 noch selbständig und wurden erst zu diesem Zeitpunkt nach Bingen eingemeindet. Trotzdem wurden sie durch die Binger Nebenbahnen angeschlossen. Das Fahrgastaufkommen war schon von Anfang an hoch und stieg beständig. Bingen bot viele Arbeitsplätze, die Binger Geschäftswelt deckte jede Art von Bedarf auch der umliegenden Gemeinden.

Hier fährt die "Elektrisch" zwischen Dietersheim und Büdesheim auf der Landesstraße 417.

Heute sind die Weinberge im Hintergrund vollständig bebaut

Bild

Die Straßenbahn um 1950 an der weltbekannten Binger Weinlage "Scharlachberg" zwischen Büdesheim und der Innenstadt am Abzweig in die Brennerei Scharlachberg.

Bild

Neben dem Wein aus der 25 Hektar großen Einzellage ist auch der "Scharlachberg Meisterbrand" bekannt geworden. Die Cognac-Brennerei Scharlachberg GmbH, rechts außerhalb des Bildes gelegen, hatte ebenfalls einen Gleisanschluß (er führt im Vordergrund quer über die Straße).

In der Büdesheimer Keppsmühlstraße befand sich der Stützpunkt der Binger Nebenbahn.
Verwaltung, Werkstätten sowie Lok- und Wagenhalle hatten hier ihren Platz.

Das Bild von 1906 zeigt die Güterlok mit Güterwagen und einen Straßenbahnzug neben dem, noch im Freien stehenden Werkstattkran.


Bild
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Rolf » Sa 15. Aug 2020, 16:29

Spannende Geschichte. Besten Dank dafür!
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Sa 15. Aug 2020, 17:39

1910 war endlich der Betriebshof der Binger Nebenbahn fertig.

Er lag zu jener Zeit am Rand von Büdesheim, aber Betriebs- und Werkstattgeräusche störten damals sowieso keinen. Die Menschen, die noch das 19.Jahrhundert ohne elektrisches Licht, verschlammte Straßen ohne Beleuchtung, fehlende Arbeitsplätze auf dem Land und lange Fußwege ohne Alternative erlebt hatten, nahmen die Begleiterscheinungen einer Bahn nur allzu dankend an.

Bild

Interessant auch die nette kleine Drehscheibe.

1952 verläßt Wagen 17 das Depot. Diese neue Wagengeneration wurde von den Stadtwerken Gießen übernommen und brachte für Fahrgäste wie Triebfahrzeugführer einiges an zusätzlichem Komfort.

Bild

1955 begegnen sich in Büdesheim zwei Welten, die Straßenbahn und ein Bahnbus. Noch hadern die Binger Stadtwerke mit der Umstellung des Nahverkehrs auf Omnibusse....

Bild

Das Bild hat eine hohe Symbolkraft. Denn in der Zeit seiner Entstehung beratschlagten die Binger Stadtväter über das Für und Wider schienengebundener Verkehrsmittel.
Die Personenverkehrslinie durch die sehr enge Innenstadt führte zu permanenten Kollisionen mit dem zunehmenden Individualverkehr. Die meisten Inhaber von Geschäften sahen die Straßenbahn als hinderlich an, sie führte praktisch 50 cm von den Schaufenstern entfernt vorbei. Anliefernde Fahrzeuge mußten ihr beim Entladen ständig weichen, parkende Pkw hielten die Bahn auf. Einer Verbreiterung der Straße waren bauliche Grenzen gesetzt. Daß es unter diesen Umständen auch Omnibusse schwer haben würden, sah man nicht, sie konnten ja notfalls auch mal die Spur wechseln. So entschied der Binger Stadtrat im Sommer 1955, die Personenbeförderung im Herbst auf Busse umzustellen.
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » So 16. Aug 2020, 20:14

(Vor)letzter Akt, (vor)letzte Szene der Binger Straßenbahn.

Am 22.10.1955 fand der Wechsel von der Schiene zur Straße im laufenden Betrieb statt. Am Binger Bahnhof startete die letzte Straßenbahn Richtung Dietersheim, während sich in Dietersheim der erste Bus, ein Daimler Benz O 321 Richtung Bahnhof in Bewegung setzte. Kurz vor dem Weinhaus Puderbach standen sich die beiden Fahrzeuge gegenüber, um von der Bevölkerung verabschiedet und begrüßt zu werden. Fritz Puderbach -im Vordergrund mit schwarzem Anzug und Zylinder mit Frau Resel- brachte einen Trinkspruch aus und servierte Wein aus den eigenen Weinbergen. Weck und Worscht gesellten sich dazu.

Man war ob der neuen Verkehrsmittel begeistert, aber auch ob des Verschwindens der Straßenbahn, die zwei Weltkriege, zwei Inflationen und andere Wirrnisse überdauert hatte, auch nachdenklich, was der Binger Journalist Josef Schmitt-Krämer in rheinhessischer Mundart so umriß:

"Mer wisse all, es werd ääm sauer,
wann freilich was gedient lang hott,
mer is erfillt vun schwarze Trauer,
weil halt die Tram is nit mehr flott.
Dorch all die Zeit tat sich bewähre,
in beschter Weis die Newebahn,
jetzt stehn mir da mit Trauermiene,
was is vergänglich doch die Welt!"

Bild
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Mi 26. Aug 2020, 11:36

Letzter Akt - letzte Szene: Abschied vom Güterverkehr

1957 war das Ende des Güterverkehrs der Binger Nebenbahn gekommen.

Zuletzt wurden hauptsächlich die Weinbrennereien Racke und Scharlachberg bedient. Das Güteraufkommen war hier noch recht beträchtlich und durch den unmittelbaren Gleisanschluß in Bingen konnten die Wagen direkt vom und zum Bundesbahnnetz befördert werden.

Allerdings hätte man 1957 die abgelaufene Konzession der Binger Nebenbahn verlängern müssen. Da winkte der Binger Stadtrat aber ab. Nach 51 Jahren ging damit auch der "Laubfrosch" in Rente. Die Binger hatten die Güterlok wegen ihrer Farbe so getauft.

Und nach ihrer letzten Fahrt wurde sie direkt verschrottet.

Bild
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Heiner Neumann » Mi 26. Aug 2020, 20:02

Es ist schade, daß von so vielen kleinen Nebenbahnen so wenig dieser alten Fahrzeuge erhalten geblieben sind, die über Jahrzehnte treu und zuverlässig ihren Dienst verrichtet haben.

So werden sie zumindest noch in Deinen interessanten Beiträgen gewürdigt. Danke dafür.

Gruß

Heiner
Wenn Du ein Licht am Ende des Tunnels siehst, bete, dass es kein Zug ist :shock: !!!

Vertraue nur Deinem eigenen Hintern - denn nur er steht immer hinter dir!
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Re: Die Binger Nebenbahn

Beitragvon Horst Heinrich » Mi 26. Aug 2020, 21:27

Heiner Neumann hat geschrieben:Es ist schade, daß von so vielen kleinen Nebenbahnen so wenig dieser alten Fahrzeuge erhalten geblieben sind, die über Jahrzehnte treu und zuverlässig ihren Dienst verrichtet haben.

So werden sie zumindest noch in Deinen interessanten Beiträgen gewürdigt. Danke dafür.

Gruß

Heiner


Das ist ja auch der Hauptgrund, die historischen Bilder einzustellen.
Als ich so um 1967 herum mit den Eltern zu Spielwaren-Krollmann nach Bingen kam, lagen ein paar Schienen noch verwaist im Blaubasalt-Pflaster der Binger Innenstadt.
Dieses Bild hat mich offenbar derart beeindruckt, daß noch heute genau eine solche Kulisse (Schienen im Pflaster) bei mir ein sehr angenehmes Gefühl auslöst.

Viel später im Studium lernte ich diesen Mechanismus im Gehirn als "epigenetische Signaturen durch synaptische Signale" kennen.

In den 1980er Jahren war ich Hörer bei Prof.Dr. Wolf Joachim Singer in Frankfurt, der Forschungen zum DNMT3A1-Spiegel protegierte, das sind Vorgänge im Gehirn, die kürzlich unser geschätzter Forenkollege Rolf als DNA-Methylierung vorgestellt hat und die diese erinnerbaren Speicherungen bewirken.

Ich bin nicht zuletzt wegen solcher Möglichkeiten in unserem Forum, wirklich facettenreich querzudenken, sehr sehr dankbar für diesen vielfältigen Marktplatz!
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