Verbrennungstriebwagen in Rheinhessen 1925




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Verbrennungstriebwagen in Rheinhessen 1925

Beitragvon Horst Heinrich » Fr 17. Jul 2020, 15:37

Die steigungsarmen Strecken Rheinhessens und der (damals bayerischen) Nordpfalz boten sich seit der Jahrhundertwende 1900 für die Erprobung neuer Traktionsvarianten an.
Neben den Akkutriebwagen, die ab ca. 1907 rheinhessische und pfälzer Strecken befuhren, sah man hier auch erste Dieseltriebwagen.
Einer der Pioniere brauchbarer, wartungs- und personalextensiver Fahrzeuge war die Firma Van de Zypen & Charlier in Köln, die im Jahre 1925 ihre Typen T 2 und T 4 für den leichten Nebenbahndienst vorstellten.
(Van de Zypen & Charlier gingen später im Klöckner Humboldt Deutz-Konzern auf).

Die Wagen waren zweiachsig und rund 13 Meter lang und brachten es mit einem 135 PS Büssing - Motor auf eine Hg von 50 km/h.

Neben den Staatsbahnen war es die Darmstädter Eisenbahngesellschaft Herrmann Bachstein, die in Rheinhessen etliche Strecken betrieb und um 1880 an einem großen Projekt feilte, einer Bahnstrecke von Worms über Offstein, Grünstadt, Enkenbach, Kaiserslautern nach Pirmasens.

Man wollte die Wormser Lederindustrie mit der pfälzer Schuhindustrie eisenbahnmäßig verbinden.
Auch der Industrielle Johann Jakob Gienanth, der in Eisenberg ein Hüttenunternehmen betrieb, war an der Bahn interessiert.

Einen gewaltigen Fürsprecher dieses Projekts hatte man in dem Wormser Lederfabrikanten und späteren Reichstagsabgeordneten Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim (1843-1923), in Rheinhessen ein ähnlich einflußreicher Mann wie an Nahe und Saar der "König von Saarabien", der Eisenindustrielle und Reichstagsabgeordnete Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836-1901).

Diese Strecke ging in verschiedenenen Abschnitten, etwa Worms-Offstein-Grünstadt (1886-1900) später auch in Betrieb, aber erst 1932 wurde dann der Abschnitt Grünstadt-Eisenberg-Enkenbach mit dem legendären Eiswoog-Viadukt fertiggestellt. Der Bau dieses Streckenabschnittes ist dem Einfluß des Reichtagsabgeordneten Dr.Ludwig Frick (1877-1946) aus Alsenz zu verdanken, der sich mit der "Eistalbahn" in seiner pfälzer Heimat einen Namen machen wollte.
Ludwig Frick, später in der NS-Zeit von 1933-1943 Reichsinnenminister, gehörte zu den Hauptkriegsverbrechern und wurde 1946 hingerichtet.

Auf dem Abschnitt Worms-Offstein verkehrte dann ab den 1920er Jahren versuchsweise der abgebildete Verbrennungstriebwagen.

Bild

Die Strecke Worms-Grünstadt wurde sukzessive ab 1970 von der DB stillgelegt, obwohl dadurch die Direktverbindung vom Rhein zur Südzucker-Fabrik Offstein nicht mehr nutzbar war und der gesamte Güterverkehr den Umweg über Worms-Monsheim-Grünstadt nehmen mußte. Die übliche DB Güterverkehrspolitik.
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Re: Verbrennungstriebwagen in Rheinhessen 1925

Beitragvon eifelhero » Fr 17. Jul 2020, 17:23

Hallo HH,
hast du noch mehr Infos zu dem Triebwagen?
Google schweigt sich dazu aus!
Mir sind ähnliche Triebwagen bekannt, die von van der Zypen&Charlier in zusammenarbeit mit der AEG für verschiedene Kleinbahnen gebaut wurden.
Hier mal ein teilweiser schlechter scan als pdf, aus der DEV Mitgliederzeitschrift vom Januar 2002.(Netzfund)
Die letzte Zeichnung könnte der gleiche Triebwagen sein.
http://www.museumseisenbahn.de/images/dev_dme/dme02_1_aeg_triebwagen_von_1921.pdf

https://eisenbahnstiftung.de/images/bildergalerie/23556.jpg

https://www.vvm-museumsbahn.de/?id=vv-C171

der grüne ist der VT 24 der Kaiserstuhlbahn.
gruß aus der Eifel
Heinz
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Re: Verbrennungstriebwagen in Rheinhessen 1925

Beitragvon Horst Heinrich » Sa 18. Jul 2020, 11:20

eifelhero hat geschrieben:Hallo HH,
hast du noch mehr Infos zu dem Triebwagen?


Soweit ich weiß, waren regelspurige Dieseltriebwagen für Albert Charlier und Julius van der Zypen nur "Nebenschauplätze", ihr Hauptbetätigungsfeld waren Personenzugwagen und Straßenbahnen.
Die T 2 wurden später als T20, T22 sowie T24–26 bei der Süddeutschen Eisenbahn Gesellschaft (SEG) auf ihren rheinhessischen Nebenstrecken eingesetzt, vermutlich bis 1953-1955, denn in diesen Jahren gingen die Strecken in den Betrieb der DB über bzw. wurden stillgelegt und die DB setzte dann hier die Baureihen 56 und 74 und auch die ETA 177, 178 und 180 ein, die in Rheinhessen stationiert waren.

SEG-Strecken in Rheinhessen, auf denen der T 2 fuhr waren

Osthofen - Westhofen (1888 - 1958)
Sprendlingen - Fürfeld (1888 - 1974)
Frei Weinheim - Partenheim (Selztalbahn) (1904 - 1955)
Worms - Grünstadt (1886 - 1988)

In Klammern das Eröffnungsjahr und das Jahr der Gesamtstillegung.

Die SEG-Triebwagen wurden von der DB nicht übernommen und gingen an andere Privatbahnen.

Bis zur ersten Stationierung der BR VT 95 bzw. VT 98 waren die meisten SEG-Strecken sowieso bereits im Personenverkehr stillgelegt.

Hier habe ich noch ein "Schmankerl". Der letzte planmäßige Personenzug (BR 515) 1976 auf der Eistalbahn.

https://www.youtube.com/watch?v=w8APgedOLas
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Re: Verbrennungstriebwagen in Rheinhessen 1925

Beitragvon Horst Heinrich » Sa 15. Aug 2020, 16:49

Im Lokschuppen Offstein 1934 ruht einer der SEG-Triebwagen von seiner Arbeit aus.

Auf der Strecke Worms-Offstein war es in den letzten Jahren zu einem erheblichen Rückgang des Personenverkehrs gekommen, von einer Million Fahrgästen im Jahre 1920 auf knapp 300.000 im Jahre 1934. Die Konkurrenz durch Bahn- und Postbusse, aber auch durch den Individualverkehr, insbesondere motorisierte Zweiräder zeigte Wirkung.

Da sollte der Triebwagen die Betriebskosten minimieren.
Im Güterverkehr hingegen verzeichnete man ständig steigende Tonnagen, vor allem von und zum Zuckerwerk Offstein.

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